Eine polyamoröse Beziehung gilt für viele Menschen als ein schwer zu fassender Gegenstand. Zwei oder mehr Partner/innen haben – ist das tatsächlich machbar? Kann man überhaupt mehr als einen Menschen gleichzeitig so wirklich lieben? Ja, sagt der Heilpraktiker für Psychotherapie, Peter Hellwig im Interview.

Herr Hellwig, was genau bedeutet es, polyamorös zu leben?

Das ist auf jeden Fall eine sehr spannende Frage! Ich denke, dass Polyamorie für jeden Menschen etwas anderes bedeutet und einen ganz individuellen Einfluss auf das eigene Leben ausübt. Es ist definitiv nichts, was man pauschal betrachten kann – trotzdem existieren Ideen und Definitionen, nach denen man sich richten kann. Eine Idee der Polyamorie ist zum Beispiel einfach das Konzept, mit mehreren Menschen gleichzeitig eine Beziehung zu führen. Das geht dann auch weit hinaus über gelegentlichen Geschlechtsverkehr mit Außenstehenden oder auch kürzere Affären. Man lebt tatsächlich mit zwei oder drei Partnerinnen oder Partnern in einer Beziehung – man versucht auch wirklich, das Leben miteinander zu teilen. So etwas wird natürlich immer schwieriger, je mehr Leute es sind. (lacht)

Eine polyamoröse Beziehung setzt sich also aus mindestens drei oder mehr Beteiligten zusammen: Müssen denn dann alle Partner und Partnerinnen auch miteinander in Beziehungen sein?

Nein, das ist nicht zwingend der Fall – es ist aber definitiv hilfreich, sollte so ein Szenario für alle Beteiligten eine Möglichkeit sein. Oft ist es ja in polyamorösen Beziehungen der Fall, dass einfach mehrere Beziehungen unabhängig voneinander ausgelebt werden. Da gibt es dann häufig primäre und sekundäre Beziehungen. Das läuft dann nach dem Modell, dass man eine Hauptbeziehung führt, welche Priorität hat, doch gleichzeitig noch eine oder mehrere Nebenbeziehungen unterhalten kann. Dass alle Beteiligten auch miteinander in einer Beziehung leben ist selten, aber sicherlich die einfachste Variante für alle. Polyamorös zu leben ist extrem schwierig, allerdings auch der ultimative Entwicklungsbeschleuniger.

Entwicklungsbeschleuniger? Wie meinen Sie das?

Möchte man sich in seiner eigenen Persönlichkeit weiterentwickeln, ist man dazu in einer Mehrfachbeziehung viel eher gezwungen als in einer traditionellen Zweierbeziehung. Man beginnt häufig, mehr auf sich selbst zu achten und empfindet sich selber als persönlichen Mittelpunkt. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, es ist einfach zwingend notwendig. Wenn man auf einmal mehrere Partner oder Partnerinnen hat, muss man ganz genau schauen, was man selber möchte. Die eigenen Bedürfnisse hinten anstellen wird beinah unmöglich mit mehreren Beteiligten. Man muss sich darüber klar werden, was man selber möchte und auch, ob man das seinen Partnern und Partnerinnen zumuten kann. Halten alle Mitglieder des Polyküls Zurückweisung oder auch Bevorzugung des anderen aus?

Wie viele Partner oder Partnerinnen sind zu viele?

Für viele Menschen wird die ganze Sache schon ab dem zweiten Partner oder der zweiten Partnerin schwierig. Gibt es noch eine/n Dritte/n, kann der Anspruch, tatsächlich eine Beziehung mit Alltag zu erleben, sehr schnell in den Hintergrund rücken, da einfach nicht genug Zeit vorhanden ist, allen die nötige Aufmerksamkeit zu geben. In solch einem Fall können dann nur Lebensgemeinschaften helfen. Wenn das gesamte Polykül auch tatsächlich zusammenlebt, können mehr als drei Beziehungspartner oder /-partnerinnen durchaus eine Möglichkeit sein.

Hat man in einer polyamorösen Beziehung nicht oft das Gefühl, betrogen zu werden?

Das könnte passieren. Allerdings hilft es hierbei sehr, während der ganzen Beziehung transparent zu sein und allen Partnern und Partnerinnen möglichst nichts zu verheimlichen. Wenn ich das Gefühl habe, ich müsste etwas geheim halten, distanziere ich mich mit einem Teil meiner Persönlichkeit. So kann es sich für mein Gegenüber schnell so anfühlen, als würde er oder sie betrogen werden.

Kann auch eine einseitige Polyamorie funktionieren?

Das hängt in meinen Augen sehr von der Person ab, die keine weitere Beziehung zusätzlich zu ihrer ersten haben möchte. Sollte dieser Mensch sehr in sich ruhen und ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben, ist eine einseitige Polyamorie sicherlich möglich. Oft ist es allerdings so, dass ein Beteiligter etwas ausleben möchte, womit der andere ein großes Problem hat – so etwas erlebe ich in meiner Praxis sehr oft. Leider gehen solche Situationen in den seltensten Fällen wirklich gut aus. Damit eine einseitig polyamoröse Beziehung überhaupt eine Chance auf Erfolg haben kann, ist es definitiv ein Muss, ein tolerantes Umfeld zu haben oder zur Not zu schaffen. Am allerbesten ist es natürlich, wenn ähnliche Beziehungsmodelle im direkten Umfeld auch ausgelebt werden. Je mehr Menschen man hat, mit denen man sich austauschen kann, desto höher ist auch die Chance auf Gelingen.

Aber braucht man denn wirklich mehr als eine Beziehung um glücklich zu sein?

Also, das ist eine Frage, die jeder für sich selber beantworten muss. Brauchen sicherlich nicht, jedoch habe ich es schon oft erlebt, dass Menschen so viel Liebe in sich spüren, dass nur ein Partner sicher leicht überfordert wäre. In solchen Fällen macht es denjenigen einfach glücklicher, seine Liebe auf mehrere Rezipienten aufzuteilen und somit seine Gefühle zu kanalisieren.

Weshalb scheitern so viele polyamoröse Beziehungen?

Ich kenne Menschen, die schon seit dreißig oder vierzig Jahren eine polyamoröse Beziehung führen – das ist natürlich eine unglaubliche Herausforderung und setzt viel Feingefühl voraus. Oft sind Zweifel und Eifersucht sehr präsente Emotionen. Es stellen sich oft Fragen, wie: „Wie geht’s dir denn mit mir?“ oder „Willst du mich überhaupt noch?“. Das tritt vor allem zum Vorschein, wenn sich augenscheinlich mehr mit dem anderen Partner oder der anderen Partnerin beschäftigt wird. Auch die Angst vor Kontrollverlust und allgemeine Verlustängste sind häufige Probleme innerhalb polyamoröser Beziehungen. All diese Schwierigkeiten verkomplizieren das Gesamtbild ungemein, sodass viele Partnerschaften und Polyküle scheitern.

Wie schafft man es denn dann, eine polyamoröse Beziehung dauerhaft aufrecht zu erhalten? Gibt es da eine Art Geheimrezept?

Meiner Meinung nach funktioniert nichts ohne Wahrhaftigkeit. Ehrlich und wahrhaftig zu sein sind die Grundsteine jeder polyamorösen Beziehung. Es gibt jedoch auch viele Fälle, in denen man nichts von den Beziehungen des Anderen wissen möchte. Das nennt man auch „Don’t ask, don’t tell“. Dieses Modell kann auch wunderbar funktionieren, allerdings bin ich persönlich der Meinung, dass das dem Ganzen eine ziemliche Distanz auferlegt. Alles, was ich in meinen Partnerschaften geheim halte, verursacht gleichzeitig eine gewissen Separation zwischen mir und meinen Beziehungspartnern/-partnerinnen. Ein universelles Geheimrezept gibt es sicher nicht, da jedes polyamoröse Konstrukt individuell gestaltet und gelebt wird, allerdings können – neben der Ehrlichkeit – auch vorher aufgestellte Regeln den Alltag enorm erleichtern.

Der Experte
Peter Hellwig wurde im Jahr 1958 geboren, hat einen Sohn und lebt zurzeit in einer festen Partnerschaft. Nach seinem Studium in Sportwissenschaften, Pädagogik und Biologie und einer Ausbildung zum Sporttherapeuten begann Hellwig sich gleichzeitig mit dem Coaching und der Weiterbildung von Menschen zu beschäftigen. In seiner Praxis in Göttingen bietet der Heilpraktiker vor allem Psychotherapien für Gruppen, Paare und Einzelne an und unterstützt seine Klienten bei problematischen Familien- und Systemaufstellungen. Unter anderem Traumatherapien, Sexualtherapien sowie unkonventionelle Partnerschaften zählen zu häufigsten Therapievariationen. Dabei geht es innerhalb der Behandlung um berufliche und monetäre, sowie auch um private Beziehungen. Gearbeitet wird insbesondere mithilfe von Seminaren, Jahresgruppen und Ausbildungsgruppen, welche die innere Wachstums- und Heilungsarbeit der Klienten unterstützen sollen.

Anmerkung Peter Hellwigs: „Natürlich ist auf Grund des Rahmens dieses Interviews die gesamte Komplexität der Thematik bisher nur gestreift worden. Sehr viele Facetten der Liebe zu Dritt sind noch nicht aufgezeigt worden. Für eine Vertiefung und Differenzierung stehe ich gerne zur Verfügung.“
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Quelle, Titelbild: Peter Hellwig; https://hellerweg.de/

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