Keine offene Beziehung ist wie die andere. Das erkannte der Paartherapeut Eric Hegmann bereits früh. Im Interview spricht der Experte über Intimität, die „Disneyfizierung“ der Liebe und darüber, was eine offene Beziehung eigentlich ausmacht.

Eine offene Beziehung führen: Was bedeutet das genau, Herr Hegmann?

Eric Hegmann: Eine offene Beziehung zu führen bedeutet für jedes Paar etwas anderes. Es gibt viele verschiedene Arten von Beziehungen und somit auch viele verschiedene Bedeutungen. Jedes Paar definiert die eigene Beziehungsform durch ihre individuellen Absprachen selbst. Hierzu gehören auch die „unausgesprochenen“ Absprachen, denn nach Umfragen gehen bis zu einem Drittel der Menschen in Beziehungen fremd. In solchen Fällen wird quasi die Beziehung einseitig geöffnet – was natürlich unehrlich und unfair ist – dennoch handelt es sich hierbei auch um eine Variante der „offenen“ Beziehung.

Häufig begegnen mir Paare, die ihre Beziehung geöffnet haben, weil sich ein Partner keinen oder nur noch deutlich weniger Sex wünscht als der andere. Dann gibt es Paare, die ihre Beziehung öffnen, um ganz bewusst neue Impulse für ihre Beziehung zu erfahren. Sie erhoffen sich, aus lustvollen Begegnungen außerhalb der Beziehung mehr Leidenschaft ins eigene Schlafzimmer zu bringen. Ich kenne auch Paare in Fernbeziehungen, die sich sexuelle Kontakte erlauben, ebenso Paare, die sich einmal im Jahr einen getrennten Urlaub zugestehen, in dem dann auch eine Affäre okay ist. Und dann gibt es noch Paare, die gemeinsam sexuelle Fantasien wie in Swingerclubs oder auf Fetisch-Partys ausleben und dort andere Paare oder Personen einbezogen werden. Manche Paare öffnen ihre Beziehung nur für eine dritte Person, mit der beide intim werden.

Es gibt nicht „die“ offene Beziehung!

Eric Hegmann

Es gibt also nicht „die“ offene Beziehung. Jede ist anders, denn sie wird individuell verhandelt. Teilweise bis in kleine Details, ob es beispielsweise in Ordnung ist über Nacht zu bleiben, welche sexuellen Spielarten erlaubt sind oder ob es tabu ist, mit einer Person ein zweites Mal Sex zu haben.

Liebe, Zuneigung und Sex nicht nur mit dem eigenen Partner. Ist eine offene Beziehung nicht einfach nur ein Vorwand zum Fremdgehen?

Das kann es geben, aber ich denke, dieses Modell wird dann auf Dauer nicht funktionieren. Das Modell der offenen Beziehung benötigt ein Höchstmaß an Vertrauen – und dieses Vertrauen kann nur Bestand haben bei Ehrlichkeit. Mein Eindruck ist, dass die offene Beziehung genau dann zu einem Problem wird, wenn ein Partner die Erlaubnis zu einer Außenbeziehung oder Affären sucht und der andere Partner sich dem Wunsch nicht widersetzen kann, aus Furcht, den Partner ganz zu verlieren. Das ist eher emotionale Abhängigkeit als eine Beziehung auf Augenhöhe. Paare, die mit offenen Beziehungen glücklich werden, haben dieses Beziehungsmodell bereits von Anfang an gelebt oder zumindest abgesprochen. Geschieht dies erst nachträglich, kann der Vorschlag für eine offene Beziehung für die meisten Menschen sehr verletzend sein.

Eine offene Beziehung auf Augenhöhe funktioniert auf der Basis gegenseitiger sexueller Freiheit. Das kann sehr erfolgreich sein, wenn sich tatsächlich beide Partner diese Form wünschen. In der Praxis erlebe ich es allerdings häufig, dass nur ein Partner dies wünscht und der andere zustimmt, um die Beziehung nicht zu gefährden. Solche Formen führen jedoch ganz sicher zum Beziehungsende.

Aber kann denn eine einseitig offene Beziehung dann überhaupt funktionieren?

Ich habe beispielsweise ein Paar erlebt, da war er froh, dass seine Partnerin sexuelle Erfüllung mit anderen erlebte, weil er selbst an Intimität einfach keine Freude mehr hatte. So schafften sie es, ihre Beziehung trotzdem zu erhalten. Das funktionierte bereits seit über zehn Jahren so. Manchmal hat ein Partner die Freude am Sex verloren, vielleicht durch eine Krankheit, vielleicht nach einem Schicksalsschlag.

Offene Beziehungen:
Der Gegentrend zum Verlobungs- und Hochzeitshype

In der Liebe ist grundsätzlich alles möglich, aber es ist nicht alles gleich wahrscheinlich. Gerade ältere Paare mit viel Beziehungs- und Lebenserfahrung verhandeln oft Beziehungsmodelle, die dem Mainstream fern sind. Es sind die jüngeren Paare, die die Errungenschaften der sexuellen Revolution wieder in Frage stellen. Ich bin sehr gespannt, wie diese dann in 20 oder 30 Jahren die aktuelle Überromantisierung der Liebesbeziehung oder wie ich sie nenne, die Disneyfizierung der Liebe, und ihre Beziehungsmodelle und Regeln dann leben und bewerten werden. Verlustangst und Bindungsangst scheinen deutlich zuzunehmen durch die vielen schlechten und schmerzhaften Erfahrungen, die junge Menschen heute bei der Partnersuche und Partnerwahl machen. Die offene Beziehung und polyamore Beziehungen werden zum Gegentrend zum Verlobungs- und Hochzeitshype. DIY selbstverständlich!

Paartherapeut Eric Hegmann arbeitet seit über 30 Jahren in Hamburg, direkt neben der Reeperbahn.
Quelle: Eric Hegmann, https://www.eric-hegmann.de/

Was macht eine offene Beziehung so reizvoll für viele Menschen?

Einige Paare, auch die, die sich innig lieben, stellen nach vielen Beziehungsjahren fest, dass ihre Sexualität vielleicht nicht eingeschlafen, aber nicht mehr so aufregend ist wie zu Beginn. Der Grund hierfür: Je näher sich zwei Menschen kommen, je vertrauter sie werden, umso gewohnter erscheint die Intimität zwischen den beiden. Die gewünschte sexuelle Spannung entsteht oft stark durch das Unbekannte. Eine offene Beziehung kann diese Spannung für manche Paare zurückbringen.

Wie gesagt: es gibt nicht DAS Modell der offenen Beziehung. Die Möglichkeiten sind unendlich und jedes Paar definiert die Regeln selbst. Vom Swinger-Club zum einmaligen Seitensprung mit Veto-Recht. In der Beratung erlebe ich die unterschiedlichsten Modelle, die verhandelt wurden.

Bei einer offenen Beziehung fällt die Exklusivität weg. Was macht die Beziehung dann noch aus?

Die offene Beziehung birgt immer das Risiko, dass sich ein Partner beim Sex verliebt. So selten ist das ja nun nicht. Diese Gefahr ist immens groß. Solche Konsequenzen müssen auf jeden Fall bedacht werden. Vielleicht ist in diesem Fall nämlich doch lieber eine saubere Trennung und ein Neubeginn die weniger schmerzhafte Strategie.

Der Partner ist die Priorität, die Affäre ist eine Option

Eric Hegmann

Nach meiner Erfahrung mit Paaren, die offene Beziehungsmodelle erfolgreich leben, wird körperliche und emotionale Exklusivität unterschieden. Sex mit anderen ist nur Leidenschaft und Lust. Sex mit dem Partner ist Kommunikation, Bindung, Ankommen, Verschmelzung und ein Ausdruck von Liebe – für solche Paare ist der Unterschied meist so gewaltig, dass die Exklusivität ganz eindeutig ist. Der Partner ist die Priorität, die Affäre ist eine Option.

Weshalb scheitern so viele offene Beziehungen?

Ich kann leider keine genauen Zahlen nennen, wie gut offene Beziehungen funktionieren und möchte das daher nicht beurteilen. Interessant sind hier vielleicht die Forschungen von Professor John Gottmann und Dr. Julie Schwartz-Gottman über die Unterschiede zwischen heterosexuellen und homosexuellen Langzeitbeziehungen. Darin wird deutlich, dass homosexuelle Beziehungen stabiler sind, u.a. weil die Partner zwischen emotionaler und sexueller Exklusivität trennen. Auch der Sexualtherapeut Ulrich Clement sagte in einem Interview der ZEIT, er denke, dass heterosexuelle Paare von homosexuellen eine in dieser Hinsicht eine Menge lernen könnten.

Aus der Praxis weiß ich, offene Beziehungen können sehr gut funktionieren, aber sie müssen gut verhandelt werden – und auch immer wieder nachverhandelt. Aber das Modell ist sicher nicht für jeden geeignet. Wer sich bedroht fühlt durch den Gedanken, der Partner habe Sex mit einer anderen Person, wird unglücklich werden. Wer hingegen den Gedanken sogar erregend findet, der wird sich auf Experimente einlassen können. Es sind immer noch sehr wenige Paare, die in offenen Beziehungen leben, das Thema ist bisher nicht in der Mitte der Bevölkerung als Beziehungsmodell angekommen – zumindest nicht die ehrliche offene Beziehung. Fremdgegangen wird weiterhin. Ein Paar, das offen über seine Fantasien und Bedürfnisse sprechen kann, kann diese auch verhandeln und ausleben. Heimlichkeiten führen zu Trennungen.

Gibt es Regeln, die innerhalb einer offenen Beziehung beachtet werden sollten?

So viele, wie das Paar für nötig erachtet. Es gibt dafür kein Drehbuch. Wollen Sie vorher oder nachher wissen, was Ihr Partner gemacht hat? Wie genau wollen Sie es wissen? Wollen Sie ein Veto-Recht? Wollen Sie dabei sein? Ist Küssen okay? Oder ein zweites Treffen? Zuhause oder im Hotel? Wollen Sie die Partner Ihres Partners kennen? Wollen Sie danach Sex mit Ihrem Partner? Es gibt so viel zu klären und besprechen – das ist wohl auch der Grund, weshalb die meisten Paare die geheime Affäre vorziehen, also Unehrlichkeit und Betrug, um der Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen.

Ist die offene Beziehung eine Einstiegsdroge zur Polyamorie?

Unerlässlich ist meiner Meinung nach Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Ebenso Verhütung. Wer in diesen Dingen dem Partner nicht vertrauen kann oder wenn ein Paar keine Einigung erzielen kann in diesen Punkten, dann muss auch nicht weiter über eine offene Beziehung verhandelt werden. Die ist dann nämlich nicht möglich.

Wie groß ist der Schritt bis hin zur Polyamorie?

Die polyamoröse Beziehung ist eine Variante der offenen Beziehung, sie zeichnet sich durch Liebe und Beziehung zu mehr als einer Person aus. Eine heimliche Affäre ist allerdings keine polyamoröse Beziehung! Die offene Beziehung würde ich aber nicht als Einstiegsdroge zur Polyamorie bezeichnen. Die meisten Menschen haben schon genug Probleme damit, eine Person zu lieben und mit ihr eine erfüllende Beziehung zu erleben.

Ist die Monogamie also ein überholtes Konzept?

Ganz gewiss nicht. Das ist wohl eher eine Typ-Frage. Für manche Menschen ja, für andere nein. Wichtig ist aber, denke ich, dass sich die treffen und zusammentun, die die gleichen Gefühle zu diesem Thema haben.

Der Experte
Paartherapeut Eric Hegmann wurde ursprünglich zum Schauspieler ausgebildet, wechselte jedoch bereits früh in den Journalismus. Nach einem Volontariat arbeitete er für viele Jahre in leitenden Positionen fürs Fernsehen, im Radio, bei Zeitschriften und Magazinen sowie für Online Medien. Vor circa 20 Jahren legte Hegmann eine kurze Pause von den Medien ein und suchte den direkten Kontakt zu Menschen. Zahlreiche Fort-und Weiterbildungen später begann er mit der Beratung von Singles und Paaren. Außerdem veröffentlicht der Hamburger seit 2005 zahlreiche Bücher zum Thema Partnerwahl und Beziehung.
Seit mehreren Jahren unterstützt Hegmann die Singlebörse Parship.de und ist als Paarberater und Beziehungs- und Single-Coach regelmäßig im Fernsehen zu sehen oder im Radio zu hören. Auch seine eigene Dating-Show, mit Namen „Nächste Ausfahrt Liebe“, produziert er im Sat1.
Heute ist Eric Hegmann Chefredakteur von beziehungsweise – Das Magazin für mehr Liebe und entwickelt Online Kurse und Persönlichkeitstests, die Hilfe zur Selbsthilfe bei Fragen rund um Partnerwahl, Konfliktlösung und Bindungsverhalten.


https://www.eric-hegmann.de/

Quelle, Titelbild: Eric Hegmann, https://www.eric-hegmann.de/

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