Wie kann eine offene Beziehung langfristig funktionieren? Marco und Annabelle* sind seit über sechs Jahren ein Paar und leben seit knapp zwei Jahren in einer offenen Beziehung. Welche Hürden sich dabei ergeben und was sie daraus gelernt haben, erzählen sie bei einem Treffen in ihrer Wohnung. Ein Porträt.

Draußen ist es kälter geworden. Die engen Straßen des kleinen Dorfes sind wie ausgestorben, in einem Vorgarten hängt die Flagge eines Fußballvereins traurig von einem Mast herab. Es weht einfach nicht genug Wind heute. Die Handbremse gibt beim Festziehen ein protestierendes Geräusch von sich und der innere Wunsch nach einer flauschigen Decke und einer heißen Tasse Tee wird lauter. Das laute Geräusch des eisernen Eingangstores durchschneidet die frostige Novemberluft wie ein Messer, aus einer im Garten stehenden Tanne erheben sich ein paar Krähen schwerfällig in die Luft. Auf dem Klingelschild lassen sich nur noch schwache Spuren von mehreren Nachnamen erahnen, doch bevor noch groß Zeit zum Nachdenken bleibt, öffnet sich die hölzerne Haustür und zwei junge Leute treten aus dem Eingang.
Marco und Annabelle studieren beide Informatik-bezogene Fachrichtungen und sind seit über sechs Jahren in einer Beziehung. Seit rund zwei Jahren lebt das Paar mehr als 350 Kilometer voneinander getrennt – Marco in der Nähe von München, Annabelle bei Frankfurt am Main. Etwa alle vier Wochen besuchen sich die beiden gegenseitig für einige Tage, unternehmen viel zusammen und genießen die gemeinsame Zeit.

Seit etwas über eineinhalb Jahren lebt das Paar außerdem in einer offenen Beziehung. Marco und Annabelle haben die Möglichkeit, ebenfalls etwas mit anderen Menschen zu unternehmen, mit ihnen die gemeinsame Zeit zu genießen und auch mit ihnen zu schlafen. Ganz ohne Konsequenzen.
Annabelles Gesicht verzieht sich zu einem breiten Lächeln während sie in ihren flauschigen Hausschuhen aus dem Türrahmen tritt und fröstelnd die Arme vor der Brust verschränkt.
Marco ist im Hausflur stehen geblieben und hält höflich die Tür auf. Er ist groß gewachsen, beinah etwas schlaksig. Mit einer Hand streicht er sich durch die braunen Locken bevor er die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt und als Letzter die Wohnung betritt. Drinnen ist es warm und einladend. Annabelles Zimmer liegt der Wohnungstür direkt gegenüber. Bilder von Katzen schmücken die Wände, ein kleiner Kaktus schmückt die Fensterbank. Annabelle lässt sich langsam auf den grauen Teppich sinken und verschränkt die Beine zu einem Schneidersitz. Marco lehnt sich auf dem ordentlich gemachten Bett an das Kopfende und faltet die Hände. Mit einer schnellen Handbewegung greift er zur Fernbedienung und schaltet den laufenden Fernseher aus. Die beiden werfen sich einen kurzen Blick zu, es ist ganz still geworden im Raum.

„Ich habe mich gefühlt, als ob mir noch etwas fehlt“

Annabelle

In einer Beziehung zu leben und gleichzeitig Intimität mit anderen Personen als dem eigenen Partner oder der Partnerin zu teilen, ist für viele Menschen ein befremdlicher, wenn nicht gar abwegiger Gedanke.
Bei Marco und Annabelle war es über einen langen Zeitraum hinweg genauso. „Wir sind jetzt schon seit über sechs Jahren ein Paar und die Idee, unsere Beziehung zu öffnen, kam uns zum ersten Mal vor knapp anderthalb Jahren.“, sagt Annabelle und verlagert ihr Gewicht auf eine Seite. Die junge Frau ist relativ klein und zierlich, wirkt jünger als ihre 21 Jahre. Kennengelernt haben sich die beiden mithilfe einer gemeinsamen Freundin und eines Online-Videospiels. Seitdem ist das Paar unzertrennlich. Annabelle streicht sich eine Strähne ihrer glatten schwarzen Haare hinter das Ohr bevor sie leise auflacht. „Ich glaube das alles ist nur entstanden, weil ich mich von meinem Studium etwas überfordert gefühlt habe. Ich habe so lange zuhause in meiner gewohnten Umgebung gelebt und als ich dann angefangen habe zu studieren, fühlte sich das alles auf einmal an, als wäre ich mit einem Schlag im Erwachsensein angekommen.“ Sie nimmt einen Schluck Tee, ihr Knie wippt unruhig auf und ab. „Ich habe mich plötzlich gefühlt, als ob mir noch etwas fehlt – als hätte ich nicht genügend Erfahrungen gemacht im Leben. Ich wollte etwas erleben, einfach mal ausbrechen.“ Marco kratzt sich mit einer Hand an der Schulter: „Du hattest wie eine Art Midlifecrisis, nur halt im Studium.“

Unterwegs auf Jodel: Auf diese Art lernt Annabelle neue Leute kennen Quelle: Nina Haas

Eine Beziehung für Dritte zu öffnen ist kein leichtes Unterfangen – vor allem, wenn das Bedürfnis danach zunächst eher einseitig scheint. Die Exklusivität, an die beide Partner/innen gewöhnt sind, fällt weg, was oft Eifersucht, Verlustängsten und auch Selbstzweifeln die Tür öffnet.
„Von heute auf morgen ging natürlich nichts. Wir haben erst mal sehr lange und ausführlich darüber gesprochen, was wir tun wollen und wie alles ablaufen soll.“ Marco wirft Annabelle einen schnellen Blick zu: „Mir war es wichtig, dir deine Freiheit zu lassen aber wirklich zu einhundert Prozent begeistert war ich von der ganzen Sache nicht.“
Selber ausgelebt hat Marco die offene Beziehung noch nicht. „Ich hatte einfach nie so das Bedürfnis dazu. Anna hat die ganze Situation auch nur zwei oder drei Mal genutzt – dann hat sich unsere Beziehung wieder in eine exklusivere Richtung gedreht. Erst vor kurzer Zeit kam das Thema wieder auf den Tisch und wir überlegen gerade, unsere Beziehung noch einmal für Unbeteiligte zu öffnen.“ Annabelle nickt: „Vielleicht machen wir es dieses Mal auch ganz anders. Wir würden zwar gerne das Modell der offenen Beziehung ausleben, allerdings wäre es cool, wenn das irgendwie miteinander möglich wäre. Vor allem der Besuch eines Swingerclubs kam uns da in den Sinn.“
In einem Swingerclub wird das Konzept der gesellschaftlich etablierten Sexualmoral nicht beachtet. Viele Paare besuchen im Laufe ihrer Beziehung ein solches Etablissement und entdecken neue Facetten ihrer Partnerschaft. Allerdings muss ein Besuch in einem Swingerclub nicht zwangsläufig bedeuten, mit fremden Menschen zu schlafen. Einige Pärchen möchten auf solchen Veranstaltungen auch einfach nur miteinander schlafen und suchen nach einem neuen, aufregenderem Ort, um sich zusammen auszuleben.

„Ganz ohne Eifersucht geht es nicht.“

Marco

Genau wie Marco und Annabelle.
„Wahrscheinlich fangen wir dann erstmal mit der milderen Version an und schlafen dort nur miteinander. Man muss die ganze Szene ja erstmal kennenlernen bevor man sich mehr traut.“ Marco lacht: „Außerdem haben wir sexuelle Erlebnisse mit anderen bis jetzt noch nicht live miterlebt – da müssen wir uns langsam rantasten und schauen, wie es sich anfühlt, den Partner mit jemand Fremden tatsächlich zu sehen.“
Eifersucht ist etwas völlig Normales und selbst im Modell der offenen Beziehung bleiben die Beteiligten selten komplett davon verschont. Auch bei Marco und Annabelle war es so.
„Eigentlich bin ich gar nicht eifersüchtig, ich würde mich sogar eher für Marco freuen, wenn er mal etwas mit einer anderen Frau hätte. Allerdings habe ich seit Neuestem das Gefühl, dass es ganz auf die Situation und auch die Frau ankäme.“ Sie räuspert sich leise: „Vor ein paar Nächten habe ich geträumt, dass Marco eine Partnerin hätte und sie mir vorgestellt hat. Dabei hat er sie behandelt, als wäre sie seine Freundin. Das hat schon irgendwie weh getan obwohl es ja nur ein Traum war.“
Marco stimmt zu: „Ganz ohne Eifersucht geht es bei mir auch nicht. Es ist in Ordnung für mich, einfach nur zu wissen, dass sich Anna mit anderen Partnern auslebt, aber ich möchte nicht so ganz genau erfahren, was da gelaufen ist. So ist es einfach einfacher für mich.“
Eine offene Beziehung zu führen birgt viele Gefahren und Risiken, jedoch auch gleichzeitig Chancen für die Partnerschaft. Eifersucht, Verlustängste oder Besitzansprüche können den Schein dieses aufgeschlossenen Beziehungsmodells leicht trüben. Gleichzeitig können die neu gewonnene sexuelle Freiheit sowie diverse Möglichkeiten zur persönlichen und auch romantischen Entwicklung der bestehenden Partnerschaft einen absoluten Mehrwert verschaffen. Die Entscheidung, die eigene Beziehung für Außenstehende zu öffnen, verändert das Miteinander-Sein in jedem Fall. Annabelle streicht sich die Haarsträhne, die inzwischen wieder in ihr Gesicht gerutscht ist, noch einmal hinter das Ohr und schaut Marco für einen kurzen Moment nachdenklich an. „Es hat sich definitiv viel verändert, seit wir uns für diesen Schritt entschieden haben. Was ich aber durch diese Erfahrung auf jeden Fall gelernt habe, ist Marco mehr wert zu schätzen, für alles was er ist. Er ist definitiv der Mann, den ich will und bei dem ich mich zu Hause fühle – und egal in welche Richtung sich unsere Beziehung entwickelt, das wird sich nie ändern.“

*Namen aus Datenschutzgründen geändert

Quelle, Titelbild: Nina Haas

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