Marina* ist 21 Jahre alt und wirkt auf den ersten Blick dezent und eher unauffällig. Doch ein Blick hinter die Kulissen überrascht, denn die Studentin ist seit mehreren Jahren in der BDSM-Szene aktiv und fühlt sich seit letztem Jahr vollständig angekommen. Wie es dazu kam, berichtet die junge Frau in ihrer Geschichte.

Angefangen hat das Ganze bei mir schon relativ früh – genau genommen bereits mit 15 Jahren. In diesem Alter habe das erste Mal bei mir selber gewisse Tendenzen und ein großes Interesse zum BDSM festgestellt, kannte aber einfach noch nicht die richtigen Wörter dafür. Also habe ich viel recherchiert und auch durch Pornografie so einiges mitbekommen. Wie das in dem Alter so ist, hatte ich irgendwann auch meinen ersten Freund. Damals fühlte ich mich mit dem gesamten Thema noch sehr unbeholfen und hatte während der ganzen Beziehung die Angst, ich könnte nicht wirklich gut mit meinem Freund darüber reden. Mein erster Partner hatte lustigerweise auch selber Neigungen zum BDSM-Bereich. Während der Beziehung probierten wir wenige kleinere Dinge aus, die wir aber nicht in den entsprechenden Bereich einordneten. Die Beziehung endete dann, weil ich einfach nicht das Gefühl hatte, alles aussprechen zu können und von ihm verstanden zu werden. Wir waren wahrscheinlich einfach noch zu jung und unerfahren für das Ganze. Zwei Jahre später, im Alter von 17 Jahren, kam es zu meinem ersten Kontakt zu einem Menschen, mit dem ich ernsthaft über dieses gemeinsame Interesse sprechen konnte. Die Person lernte ich damals sogar persönlich kennen. So entstand der erste Kontakt und ein paar Tage später hatten wir schon so viel miteinander geschrieben, dass wir schnell eine Gemeinsamkeit zwischen uns herausfanden: Wir waren beide kinky. In den nächsten Wochen schrieben wir sehr viel online und unterhielten uns auch über Skype. In dieser Zeit meines Lebens festigte sich bei mir immer mehr die Erkenntnis, dass ich mich sehr von BDSM angezogen fühlte. Vor allem Machtdynamiken faszinierten mich.

„Man braucht für BDSM eine gewisse Veranlagung“

Marina

Die Zeit verging und ich beschäftigte mich immer mehr mit diesem, für mich, spannenden Thema. Ein paar Monate später, als ich 18 war, traf ich mich dann zum ersten Mal mit jemandem, den ich online auf FetLife kennengelernt hatte. FetLife ist übrigens ein soziales Netzwerk für die BDSM- und Fetisch-Community. Diese Bekanntschaft war für mich ein richtiger Lifechanger. Er war schon wesentlich erfahrener als ich und öffnete mir in vielen Dingen die Augen. Ich denke, diese Erfahrung hat mich nochmal in meinen Empfindungen und Vorlieben bestätigt. Nach diesem Erlebnis ging es für mich allerdings erst einmal nicht so wirklich vorwärts. Ich ging Beziehungen ein, die sich allerdings nach und nach immer wieder als Vanilla-Beziehung entpuppten. Ich versuchte zwar immer wieder meine sexuellen Bedürfnisse und Wünsche einzubringen doch da kam ich bei meinen Partnern irgendwie nie so wirklich weit. Ich denke einfach, dass man sich selber für dieses spezielle Thema begeistern oder zumindest interessieren muss, um es irgendwann richtig ausleben zu können. Sollte man keine Veranlagung zum Sadomasochismus haben, braucht es eine sehr lange Zeit, um sie zu entwickeln. So viel Geduld hatte ich bei meinen Beziehungspartnern leider nie. Ich glaube ich war zu dieser Zeit auch in keiner meiner Beziehungen treu – mir hat irgendwie immer etwas Wichtiges gefehlt.

Für mein Studium zog ich im Jahr 2017 in eine größere Stadt und war von der relativ großen BDSM-Szene extrem positiv überrascht. Wo ich herkomme, gibt es einfach bei weitem nicht so viele Angebote, wie hier. Ich begann nach kurzer Zeit, aktiv zum SMJG-Treff in Frankfurt zu gehen. Der SMJG-Treff ist ein BDSM-Stammtisch, wo unter anderem auch ein Flirtverbot herrscht. Dort ist man also am besten aufgehoben, wenn man relativ neu in der Szene ist oder sich einfach nur informieren und mit anderen austauschen möchte. Letztendlich ist es ja auch nur ein Hobby, über das man reden kann. Meine Besuche bei solchen Stammtischen wurden nach einer gewissen Eingewöhnungszeit immer häufiger. Seit Frühling 2019 gehe ich tatsächlich regelmäßig zu verschiedenen Treffs und nehme die dazugehörigen Angebote wahr. Seit Sommer fühle ich mich in der Szene zu einhundert Prozent angekommen.

„Ich war mit zwei Männern gleichzeitig in einer Partnerschaft“

Marina

Auch in Sachen Beziehung entwickelte ich mich seit meinem Umzug stark weiter. Vor beinah zwei Jahren beendete ich meine letzte Vanilla-Beziehung und kam kurz darauf mit einem Mann zusammen, der allerdings in meiner alten Heimat wohnte. Wegen dieser Entfernung kamen wir relativ schnell überein, das Ganze als offene Beziehung zu gestalten. Eifersucht gab es bei uns gar nicht, wir erzählten uns fast alles und respektierten aber gleichzeitig unsere Grenzen. Auf meinem ersten SMJG-Treff machte ich eine weitere Bekanntschaft, die es mir schnell angetan hatte. Er war attraktiv, in meinem Alter und ich fühlte mich direkt zu ihm hingezogen. Wir begannen uns zu treffen und unser Verhältnis wurde immer intimer. Nach ungefähr acht Wochen nannten wir unsere Situation dann auch offiziell eine Beziehung. Ich war also mit zwei Männern gleichzeitig in einer Partnerschaft. Ich kenne mich im Bereich der Polyamorie nicht wirklich aus, aber ich kann definitiv sagen, dass mein Freund aus meiner Heimat in der Rangfolge meiner Beziehungen ganz oben stand. Mein zweiter Partner stand also hierarchisch unter ihm und nahm nicht den Platz der Hauptbeziehung ein. So fühlten wir uns alle innerhalb unseres Beziehungsgeflechts relativ wohl. Nach einer Weile kam es auch dazu, dass sich meine beiden Partner kennenlernten und wir sogar Nächte zu dritt verbrachten – definitiv eine meiner schönsten Erfahrungen.
Ab Oktober begann ich auch mich zusätzlich noch mit einer Frau zu treffen, was allerdings eher einem langsamen Aneinander-heran-tasten glich. Auch diese Erfahrung empfand ich als super schön und aufregend. Jede von diesen Beziehungen entwickelte sich jedoch nach einer Weile auseinander oder es passte einfach nicht mehr so gut.

Aktuell habe ich zwei Spielpartnerschaften und treffe mich gleichzeitig ab und zu noch mit Gelegenheitsbekanntschaften. Ich finde es ja immer wieder spannend, wie wenig man den Menschen oftmals ihre Vorlieben ansieht. Einer meiner Spielpartner ist Polizist und der andere promoviert gerade an der Uni. Keine der beiden Beziehungen liegt allerdings auf einer romantischen Ebene: Wir befinden uns jeweils in dominant-submissiven Machtdynamiken und leben uns einfach sexuell aus. Bisher war ich immer der submissive Part aber seit Kurzem sehne ich mich danach, auch mal der dominante Teil der Dynamik zu sein. Keine meiner Spielpartnerschaften möchte ich aufgeben, deshalb würde ich mich dafür wohl auf die Suche nach noch einem/r weiteren Partner/in machen müssen – das Problem dabei: Ich habe einfach viel zu wenig Zeit. Zwei Beziehungen sind schon zeitintensiv genug aber für eine Dritte fehlt mir momentan wirklich die nötige Flexibilität.

„Alles braucht seine Zeit“

Marina

Innerhalb der letzten paar Monate änderte sich auch mein Besuchsverhalten von Stammtischen und Treffs. Der SMJG-Stammtisch ist mir inzwischen etwas zu langweilig geworden. Dort trifft man viele Menschen an, die noch wenig oder gar keine Erfahrung in der Szene haben und sich erstmal informieren möchten. Dadurch hört man auf Dauer einfach immer die gleichen Fragen. Seit kurzer Zeit besuche ich meistens den Alumni-Treff, wo sich Menschen versammeln, die sich schon etwas länger in der Szene etabliert haben.

Mein Weg in die BDSM-Szene war lang, aufregend und voller spannender Erfahrungen. Trotzdem ist mir auch nicht immer alles einfach so zu gefallen. Beziehungen zu führen – vor allem mehrere Beziehungen gleichzeitig – und seine eigene Sexualität so auszuüben, wie man möchte, ist alles Übungssache. Auch ich bin nicht vom Himmel gefallen und war von Anfang an zu einhundert Prozent dabei. Auch heute noch fällt es mir nicht immer leicht, mich fallen zu lassen und mich direkt zu entspannen. Alles braucht seine Zeit. Es ist ein langsames Herantasten, was jeder in seiner eigenen Geschwindigkeit erleben sollte. Manchmal denke ich auch darüber nach, was in meiner Zukunft auf mich wartet. Sollte ich die richtige Person kennenlernen, könnte ich mir gut vorstellen, später mal zu heiraten – aber selbst dann glaube ich nicht, dass ich monogam leben würde. Ich schließe auch definitiv aus, dass ich von BDSM irgendwann genug haben werde. Vielleicht lege ich mal für eine gewisse Zeit eine Pause ein aber ganz damit aufhören möchte ich nicht. Das alles ist einfach ein Teil von mir.

*Namen aus Datenschutzgründen geändert

Quelle, Titelbild: Nina Haas

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