Renate und Matthias sind beide Anfang 50, haben mehrere Kinder und einen Hund. Sie arbeiten als Lehrerin und Sachverständiger für Versicherungsbetrug. Klingt alles ganz gewöhnlich, doch es gibt eine kleine Besonderheit: Seit mehreren Jahren besucht das Ehepaar regelmäßig gemeinsam Swingerclubs.

Zuallererst ein paar Hintergrundinfos: Wie lange seid ihr schon verheiratet und wie ist eure aktuelle Familiensituation?

Mein Mann und ich sind seit fast 24 Jahren verheiratet und haben drei Söhne. Die beiden älteren Jungs sind schon über 20, aber unser jüngster Sohn ist erst zwölf Jahre alt. Ich selber bin als Lehrerin tätig, während mein Mann als Sachverständiger für Versicherungsbetrug arbeitet. Das klingt ja eigentlich alles erstmal ziemlich gewöhnlich, doch bei uns gibt eine kleine Besonderheit: Mein Ehemann und ich besuchen seit mehreren Jahren zusammen Swingerclubs.

Wie fing das alles denn an?

Alles hat eigentlich damit angefangen, dass ich vor ein paar Jahren das klassische Burn-Out erlitt. An meiner Familie lag es definitiv nicht, aber ich glaube ich hatte zu dieser Zeit einfach viel zu viel Stress und fühlte mich überlastet. Um dieses Problem angehen zu können, habe ich mich dann natürlich erstmal in Therapie begeben und wurde auf Antidepressiva gesetzt. Zeitweise war ich sogar in einer psychosomatischen Klinik. Nach einer Weile fühlte ich mich dann auch wesentlich besser vom Gemütszustand her. Allerdings sind Antidepressiva ja so ausgelegt, dass sie im Körper alles herunterfahren. So wurde auch meine Libido auf null heruntergesetzt. Im Bett war bei uns überhaupt nichts mehr los, ich hatte kein Bedürfnis mehr nach Sex und wenn wir doch mal welchen hatten, konnte ich keinen Orgasmus mehr bekommen. Das alles belastete meinen Mann und mich natürlich. Auf der Suche nach Lösungen wandte ich mich an meine Therapeutin, die mir riet, meine Antidepressiva auf keinen Fall abzusetzen. Letztendlich sagte sie zu mir: „Probieren Sie doch einfach mal etwas Neues aus!“ Vermutlich meinte sie damit ursprünglich einfach nur, dass wir mal an anderen Orten miteinander schlafen sollten oder vielleicht Sexspielzeug ausprobieren könnten, um das Ganze wieder ein wenig aufzufrischen. (lacht)

Zärtlich: Renate und Matthias bei einem Fotoshooting in Fulda.
Quelle: Dinias digitale Fotografie, Michael Dietzel

Und wie seid ihr auf die Idee gekommen, zusammen Swingerclubs zu besuchen?

Natürlich haben wir es erstmal wirklich mit Sex an anderen Orten versucht, aber auch das hat uns irgendwie noch nicht wirklich den nötigen Kick verschafft. Ein Urlaub in Österreich hat unsere ganze Situation dann radikal verändert. Ich hatte zum ersten Mal einen Erotik-Store besucht, um mich dort einfach mal ein bisschen umzuschauen. Ich fand letztendlich auch einen Dildo, den ich mir kaufte. Lustigerweise veränderte der Dildo an unserer Situation nichts, ein kleiner Flyer jedoch schon. An der Kasse lag eine Broschüre aus, von der ich mir mal ein Exemplar mitgenommen hatte. Darauf wurde eine Party eines ziemlich frivolen BDSM-Clubs in Wien beworben. Weder ich noch mein Mann wussten damals, was BDSM überhaupt ist. Wir besuchten diesen Club in Wien auch nie und ich vergaß das Ganze auch relativ schnell wieder.
Zu Weihnachten gab es dann die große Überraschung: Mein Mann hatte nach BDSM-Clubs in Deutschland gegoogelt und war in Hamburg fündig geworden. Er schenkte mir also zu Weihnachten eine dreitägige Kurzreise in die Hansestadt – inklusive eines Besuchs in einem BDSM-Club.

Und da seid ihr dann einfach hin?

Na ja, nicht einfach so. Vorher habe ich mich erstmal Ewigkeiten verrückt gemacht, weil ich nicht wusste was mich erwartet. Ich hatte keine Ahnung, was man auf solchen Veranstaltungen anzieht und wie das alles ablaufen würde. Überraschenderweise bekam ich in dieser Situation Hilfe von einer Freundin, von der ich es am wenigsten erwartet hatte. Wir singen nämlich beide im gleichen Kirchenchor. Als ich ihr anvertraute, dass unser Kurztrip nach Hamburg eben nicht nur als entspanntes Urlaubswochenende geplant war, sagte sie plötzlich: „In dem Club war ich auch schon mal! Kommt mich doch morgen einfach beide einfach mal besuchen, dann kann ich euch alles Wichtige erzählen. Ich habe sogar etwas zum Anziehen für dich.“ So fühlten wir uns auf jeden Fall ein bisschen besser vorbereitet.

Ist denn dann bei eurem ersten Clubbesuch direkt etwas passiert?

Nein, also zumindest nicht in sexueller Hinsicht. Wir schauten uns dort auch erstmal nur um. Das ganze Ambiente war auch relativ ungewohnt für uns und wir fühlten uns etwas überfordert. Es gab eine riesige Tanzfläche, einen großen BDSM-Bereich und wo man nur hinsah nackte Menschen. Viele Besucher führten auch sexuelle Handlungen miteinander aus und wir unterhielten uns einfach erstmal nur mit Anderen. Wir lernten viele neue Menschen kennen, die uns von der Erotikplattform Joyclub erzählten. Dort haben wir uns dann später auch ein Profil angelegt – das betreiben wir auch nach wie vor sehr aktiv. Über Joyclub lernten wir ein sehr nettes Pärchen kennen, die uns dann nach Nürnberg einluden. Dort besuchten wir dann zum allerersten Mal einen richtigen Swingerclub. Dort haben wir uns aber auch erstmal nur umgesehen. Wir haben uns da viel Zeit gelassen und es hat eine ganze Weile gedauert bis es das erste Mal zu einer echten Handlung gekommen ist.

Wie ist es denn dann dazu gekommen?

Zunächst haben mein Mann und ich uns einfach nur miteinander beschäftigt, wenn wir in einem Swingerclub waren. Ich erinnere mich tatsächlich auch an das erste Mal, dass jemand Fremdes dazu kam. Wir waren in einem Club in unserer Nähe, als sich plötzlich ein Dritter dazusetzte und anfing, mich zu streicheln. Es hat sich dann alles so Stück für Stück entwickelt. Bei uns stellte sich relativ schnell heraus, dass mein Mann es sehr genießt, wenn ich von fremden Männern verwöhnt werde. Er selber möchte aber nicht mit anderen Frauen aktiv werden – das ist nicht so sein Ding.

Liebevolle Blicke: Seit beinah 24 Jahren sind Renate und Matthias verheiratet.
Quelle: Dinias digitale Fotografie, Michael Dietzel

Gibt es da nicht so etwas wie Eifersucht bei euch?

Nein überhaupt nicht, eher im Gegenteil! Von ihm kam ja sogar die Initiative. Wichtig ist allerdings eine gute und ausreichende Kommunikation – dann ist auch niemand eifersüchtig. Außerdem gibt es auch sehr viele Abende, an denen wir nichts mit anderen Menschen machen, sondern einfach nur miteinander schlafen. Es geht uns in Swingerclubs weniger darum, harten Sex zu bekommen – wir möchten uns einfach sexuell ausleben und uns verwöhnen lassen. Dabei wird sogar das Selbstwertgefühl aufgebaut. Eifersucht rückt da sehr in den Hintergrund.

Wissen eure Freunde und Verwandten von eurem Hobby?

Ein paar Auserwählten haben wir uns anvertraut, aber von unserer Familie ist fast keiner im Bilde. Unser großer Sohn weiß auch Bescheid, möchte aber – verständlicherweise – nicht viel davon wissen. Manchmal machen wir bei Bekannten oder Freunden Andeutungen und sagen, dass wir „in die Sauna gehen“. Die Meisten können sich dann schon denken, dass wir zusammen solche Clubs besuchen. Momentan gehen wir allerdings relativ selten zu Veranstaltungen oder Partys. Wir sind aktuell eher dazu übergegangen, uns privat mit einzelnen Herren zu treffen. Das ist einfach ein wenig intimer, als ein Clubbesuch.

Habt ihr denn schonmal eine negative Erfahrung in einem Swingerclub gemacht?

Ja, auch negative Erfahrungen gab es schon. Manchmal sind das einfach ganz banale Dinge: Die Atmosphäre ist einfach nicht gut oder es sind zu viele Menschen im Club. Manchmal sind auch zu viele Paare auf einer Veranstaltung und das ist für uns natürlich auch nicht wirklich vorteilhaft, weil wir meist nach einzelnen Männern suchen. Am Anfang war es für mich wirklich schwer, in Swingerclubs auch mal Nein zu sagen. Ich habe mich nie bedrängt oder zu etwas gezwungen gefühlt, allerdings ist man es schlichtweg nicht so gewöhnt, jemandem einfach so eine Absage zu geben. In Swingerclubs ist Ablehnung allerdings etwas völlig Normales – das lernt man mit der Zeit. Mittlerweile kommuniziere ich potentiellen Partnern gegenüber auch immer, dass ich als Person angesehen werden möchte und nicht als Objekt. Das war am Anfang auch nicht gerade einfach und es gab den ein oder anderen Partner, der für meinen Geschmack wesentlich zu dominant war. Manchmal kam es auch vor, dass jemand meinen Mann von einer Aktion ausschließen wollte. Da habe ich dann sofort eingegriffen und klargestellt: Uns gibt es nur zu zweit oder eben gar nicht.
Allerdings halten sich unsere negativen Erfahrungen sehr in Grenzen. Swingerclubs sind eigentlich etwas sehr Schönes und auch wesentlich weniger schmuddelig, als es sich die meisten Menschen vorstellen.

Quelle, Titelbild : Dinias digitale Fotografie, Michael Dietzel

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