Nach mehr als sieben Jahren Beziehung mit seiner Freundin, hielt Elias* es nicht länger in der Schublade aus, in die er sich sein ganzes Leben eingesperrt gefühlt hatte. Seit mehreren Jahren hat er zwei Freundinnen und liebt ohne Einschränkungen. Im Interview offenbart er einen Bruchteil der Polyamorie.

Zunächst einmal das Offensichtliche: Wie habt ihr drei euch kennen gelernt? Warst du bereits in einer Beziehung mit deiner ersten Freundin bevor du deine andere Freundin kennengelernt hast?

Ich habe beide einzeln kennengelernt. Meine erste Freundin, Anna*, und ich sind seit über sieben Jahren in einer Beziehung. Kennengelernt haben wir uns durch einen gemeinsamen Freund und sind auch ziemlich schnell zusammengekommen. Meine zweite Freundin, Sharifa*, habe ich über die Dating-App Tinder kennengelernt. Wir waren am Anfang einfach nur Freunde doch später entwickelte sich eine Verbindung zwischen uns, die so stark wurde, dass ich irgendwann nicht mehr ohne sie leben konnte. Sharifa war wie eine Art Anfügung oder Ergänzung zu Annas und meiner Beziehung. Allerdings ist das erst etwas später passiert nachdem meine erste Beziehung gefestigt war.

Sind deine beiden Freundinnen auch miteinander in einer Beziehung?

Nein, wir sind keine Dreierbeziehung. Ich bin mit beiden Frauen in separaten Beziehungen. Als Anna und ich damals auf die Idee kamen, unsere Beziehung zu öffnen, war es uns sehr wichtig, dass wir – obwohl wir ein Paar sind – die Möglichkeit haben ein eigenes Leben als Individuum zu führen. Niemand besitzt eine andere Person in einer Beziehung. Wenn man also möchte, dass eine Beziehung von Dauer ist, ist es wichtig, jedem seiner Partner genügend Freiheit zu geben ohne kontrollierend zu sein. Jeder sollte tun und lassen können, was er möchte. Meiner Meinung nach kommt eine gesunde Beziehung auch gut ohne Bindungen und Verpflichtungen aus. In der Lage zu sein, frei zu lieben, komplett ohne Druck, ist einfach wunderbar… Aber Polyamorie ist sicher nicht etwas für jedermann.

Haben deine Freundinnen neben dir auch andere Partner?

Meine Freundin Anna hat keine weiteren Partner. Ihr reicht eine Person vollkommen. Meine andere Freundin Sharifa hat noch andere Partner. Ich halte es für sehr wichtig, dass es für alle Beteiligten fair abläuft. Jeder sollte die Möglichkeit haben, so viele Partner zu haben, wie er möchte, solange es unsere Beziehung nicht irgendwie beeinträchtigt oder negativ beeinflusst.

Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Triffst du die Beiden getrennt oder verbringt ihr auch mal Zeit zu dritt?

Manchmal verbringen wir Zeit gemeinsam im Polykül aber in den meisten Fällen treffe ich mich mit beiden einzeln. Ich finde es sehr wichtig, Zeit für sich alleine zu haben und für die jeweilige Beziehung. Nur so kann eine Beziehung längerfristig bestehen bleiben und sich weiterentwickeln.

War deine Beziehung zu Anna denn schon von Anfang an eine offene Beziehung?

Nein, war sie nicht. Unsere Beziehung ist erst zu dem geworden, was sie heute ist, nachdem wir uns bereits gut kannten. Ich hatte so einige Schwierigkeiten als ich jünger war – ich habe mich irgendwie immer so gefühlt, als sei ich in eine Schublade gesteckt worden, aus der es keinen Ausweg gibt. Ich habe geglaubt, Monogamie ist der einzige Weg und dementsprechend dachte ich mein halbes Leben, etwas stimmt nicht mit mir. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich mehr als nur eine Person zur gleichen Zeit lieben könnte, doch ich dachte, das sei falsch. Irgendwann habe ich dann andere Leute kennengelernt, die so sind wie ich – polyamoröse Menschen. Ich habe dann mit Anna gesprochen, wir haben viel recherchiert und nach einer Weile hielten wir es für eine gute Idee, unsere Beziehung zu öffnen. Das funktioniert jetzt schon seit vielen Jahren wunderbar.

Ist denn Eifersucht ein Thema für euch drei?

Also ich habe nicht einen eifersüchtigen Knochen in mir. (lacht) Am Anfang war Anna ab und zu ein wenig eifersüchtig. Aber wir haben dann recht schnell herausgefunden, dass der Ursprung ihrer Eifersucht eher in ihren eigenen Unsicherheiten lag, die wir gemeinsam lösen konnten. Sharifa ist auch nicht eifersüchtig. Unsere Verbindung ist ziemlich stark und wir sind beide sehr selbstbewusst mit und mit uns selbst im Reinen. Eifersucht kann immer durch ausreichende Kommunikation aus der Welt geschafft werden. Wenn man erst einmal anfängt etwas tiefer in dieser Emotion zu graben, merkt man schnell, dass der eigentliche Ursprung oft gar nichts mit dem Partner zu tun hat.

Würdest du denn sagen, dass sich die Liebe für deine beiden Freundinnen unterschiedlich anfühlt?

Ja, definitiv. Ich liebe Anna über alles. Sie ist meine beste Freundin und mein Partner fürs Leben. Bei Sharifa liebe ich vor allem die Person, die ich sein kann, wenn ich mit ihr zusammen bin. Außerdem hat sie einen großen spirituellen Einfluss auf mich und mein Leben. Also ja, ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich für beide anders empfinde. Keiner steht jedoch über dem anderen. Ich liebe keine von beiden mehr oder weniger, es ist einfach nur eine andere Art von Liebe.

Letzte Frage: Hast du einen guten Ratschlag für Menschen in polyamorösen Beziehungen? Oder vielleicht auch einfach für Paare in konventionellen Beziehungen?

Ich würde sagen, dass das Erlernen der richtigen Kommunikation der wertvollste und wichtigste Tipp ist, den ich Paaren geben kann. Das gilt besonders für polyamoröse Beziehungen! Es ist wichtig zu verstehen, dass gute Kommunikation immer beidseitig funktioniert. Man sollte nicht nur fähig sein, seine Gefühle und Gedanken zu kommunizieren, man sollte auch ein guter Zuhörer sein. Ich war schon mit großartigen Menschen zusammen, mit denen es aber nicht funktioniert hat, weil unsere Kommunikation einfach nicht gestimmt hat. Das führt über kurz oder lang immer zu Schwierigkeiten oder Problemen. Eine gute Kommunikation ist der Schlüssel für jede Art von zwischenmenschlicher Beziehung.

*Namen aus Datenschutzgründen geändert

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